Charles de Gaulle - Rede 1962

 

Bedeutung der Rede an die deutsche Jugend

für die deutsch-französische Freundschaft

Foto: Johannes Simon, picture alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo

Den Höhepunkt der Deutschlandreise des französischen Präsidenten Charles de Gaulle im Jahre 1962 bildete am 9. September seine Rede an die deutsche Jugend in Ludwigsburg. Wie auch in anderen Städten wurde ihm auf dieser letzten Station ein überwältigender Empfang bereitet. Der Staatsbesuch selbst stellte eine Erwiderung der Reise des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer dar, der im Sommer des gleichen Jahres mehrere Städte in Frankreich besuchte und zusammen mit de Gaulle am 8. Juli 1962 in der Kathedrale von Reims symbolträchtig die deutsch-französische Aussöhnung inszenierte und feierte.

Beide Reisen sollten im Grunde dazu dienen, die Bevölkerung auf die neue, enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich einzustimmen.

De Gaulle und Adenauer wussten, dass dies nicht allein durch offizielle Politik zu erreichen war, sondern nur mithilfe des direkten Kontakts zum Volk, zum Beispiel durch die unmittelbare Ansprache in Reden. Auf diesem emotionalen Weg konnten die Menschen von der deutsch-französischen Partnerschaft überzeugt werden.

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Bedeutung der Rede für die deutsch-französische Freundschaft

Einen ersten Schritt in diese Richtung machte er in seiner Ludwigsburger Rede, durch die Bezeichnung der Deutschen als "große[s] Volk". Das überraschte, denn es waren erst siebzehn Jahre seit Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen, in dessen Verlauf die Deutschen durch die Invasion und die Besetzung Frankreichs so viel Leid bei der dortigen Bevölkerung verursacht hatten. Die Überraschung war umso größer, da die Menschen in Ludwigsburg durchaus wussten, dass es der Franzose de Gaulle war, der mit seinem Appell vom 18. Juni 1940 seine Landsleute zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten aufrief, die französischen Streitkräfte schließlich zum Sieg über Deutschland führte und nach Kriegsende eine Schwächung, bis hin zur endgültigen Zerschlagung des Landes forderte.

De Gaulle signalisierte, dass das zugefügte Leid noch nicht vergessen war und sprach von den „großen Fehlern“, die das deutsche Volk begangen hatte. Gleichzeitig betonte er allerdings dessen kulturelle Errungenschaften und Werte, die auch die Franzosen anerkennen würden. Der französische Präsident versuchte damit zu verdeutlichen, dass sich die beiden Völker trotz der vergangenen Konflikte in ihren Werten nicht unterschieden, sondern brüderlich verbunden seien. Mit dieser Erkenntnis war die Grundlage für eine zukünftige Annäherung zwischen Deutschen und Franzosen geschaffen.

 

Eine besondere Beziehung zu Deutschland

Bemerkenswert war, dass de Gaulle seine Rede in Ludwigsburg, wie auch die meisten anderen Ansprachen seines Staatsbesuches, in deutscher Sprache hielt. Dies spiegelte zum Einen sein langjähriges Interesse an Deutschland wider. Darüber hinaus drückte er damit seine spezielle, zunächst besonders militärisch geprägte Verbundenheit mit Deutschland aus - de Gaulle hatte in deutscher Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges die Sprache seiner Wärter erlernt.

Zum Anderen stellte er durch die Verwendung der deutschen Sprache sicher, seine Zuhörer unmittelbar anzusprechen und somit – das war das Hauptanliegen de Gaulles - Sympathie  und Begeisterung für die neue, intensive Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich zu wecken.

 

Überwindung alter Feindschaft durch die Kraft der Jugend

Es war kein Zufall, dass sich der französische Präsident in seiner Ludwigsburger Rede direkt an die Jugend wandte. Sollten nämlich die Bande zwischen Deutschen und Franzosen künftig enger geknüpft werden, so konnte dies nur durch die Jugendlichen beider Länder gelingen. Sie sah de Gaulle dazu in der Lage, mit ihrer „Kraft“, ihrer „Leidenschaftlichkeit“ und ihrer „Begeisterung“ die Zukunft aktiv mitzugestalten. Nur durch diese neue Generation, die - anders als ihre Eltern und Großeltern - keinen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich miterlebt hatte, sah de Gaulle eine Chance, das Bild der traditionellen „Erbfeindschaft“ zwischen beiden Ländern überwinden zu können.

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Deutsch-französische Aussöhnung und Europa

© European Communities, 2007 / Source: EC - Audiovisual Service / Photo: Alfred Yaghobzadeh

Der Blick Charles de Gaulles ging aber auch über das rein deutsch-französische Verhältnis hinaus. Er merkte an, dass sich durch den rasanten materiellen und technischen Fortschritt das Alltagsleben der Jugendlichen in Europa unablässig verändern werde. Es sei aber auch die Aufgabe der Jugendlichen, die Menschen in der Dritten Welt an diesem Fortschritt teilhaben zu lassen, um die Trennung zwischen arm und reich zu überwinden.

Der Präsident rief aber auch dazu auf, dass sich die Jugend die Gefahr in ihr Bewusstsein rufen müsse, vom steten materiellen Fortschritt letztlich beherrscht zu werden, was zum Verlust ihrer individuellen Freiheit führe. Er spielte auf den sowjetischen Kommunismus an, indem er von unfreier Zwangskollektivität sprach, die sich nur durch den ethischen und sozialen Einsatz und die Kontrolle der wissenschaftlichen Erkenntnisse verhindern ließe.

Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich bezeichnete de Gaulle als „Grundstein“ für die Einheit Europas. Er selbst war Anfang des Jahres 1962 mit eigenen Plänen für eine politische Union Europas (Fouchet-Pläne) gescheitert, da er sich zu sehr auf eine starke Rolle unabhängiger Nationalstaaten fokussierte. Die Bundesrepublik beispielsweise, zog dem allerdings eine den Staaten übergeordnete, supranationale Organisation vor. Da eine Einigung auf europäischer Ebene also ausblieb, sollte zumindest die bilaterale Zusammenarbeit vertieft werden. 
Die Wichtigkeit eines engeren Zusammenrückens von Deutschland und Frankreich verdeutlichte de Gaulle nochmals, indem er auf den Ost-West-Konflikt zwischen den westlichen Alliierten und den Verbündeten der Sowjetunion hinwies. Denn nur durch vereintes Handeln, so der französische Staatschef, würde eine sowjetische Expansion in Europa verhindert.

Die Gefahr eines militärischen Konflikts zwischen der westlichen Allianz und den Ostblockstaaten war zu diesem Zeitpunkt nicht völlig aus der Luft gegriffen. So hatte sich schon im März desselben Jahres in Algerien eine kommunistische Befreiungsbewegung, die Front de Libération Nationale (Nationale Befreiungsfront FLN), die Unabhängigkeit von der französischen Kolonialherrschaft erkämpft, die Kuba-Krise einen Monat nach de Gaulles Ansprache hätte zudem beinahe einen globalen Nuklearkrieg ausgelöst.

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Vorbote des Elysée-Vertrages

Die Ludwigsburger Rede beinhaltete bereits viele Elemente des späteren Elysée-Vertrages vom 22. Januar 1963. Eine gemeinsame Bildungs- und Jugendpolitik war darin ebenso enthalten, wie die Grundlagen für die künftige außen- und verteidigungspolitische Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich. De Gaulle betonte, dass die Regierungen beider Länder zwar den Rahmen der deutsch-französischen Aussöhnung konstruieren könnten, es aber an den Jugendlichen selbst sei, diesen mit Leben und Inhalt zu füllen. Um diesen Austausch zwischen jungen Deutschen und Franzosen zu erleichtern, wurde am 5. Juli 1963 das Deutsch-französische Jugendwerk (DFJW) gegründet, das bis heute Jugendliche beider Völker einander näher bringt.

 

Zum Elysée-Vertrag

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