Einstimmung auf die deutsch-französische Freundschaft - De Gaulles Deutschland-Reise 1962

Adenauer begrüßt de Gaulle am Flughafen Köln
Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F011021-0002 / Steiner, Egon / CC-BY-SA

Start der Reise in Bonn: de Gaulles Mission

Die sechstägige Deutschlandreise des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle begann am 4. September 1962, mit einer offiziellen Begrüßung durch Bundespräsident Heinrich Lübke und Bundeskanzler Konrad Adenauer in Köln. In der Stadt zeichnete sich ein Bild, das typisch für die kommenden Tage war: Mehrere Tausend Menschen säumten die Straßenränder, um den Franzosen zu bejubeln.
Bei seinem ersten offiziellen Termin mit dem Bundespräsidenten sah sich de Gaulle der Kritik Lübkes ausgesetzt, der eine zu enge Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich, ohne Einbindung der anderen EWG-Staaten und die bisher verweigerte Aufnahme Großbritanniens in die Staatengemeinschaft, anprangerte. Trotz seiner Verärgerung über diese Vorwürfe machte de Gaulle in seiner Rede im Rahmen des abendlichen Festbanketts deutlich, dass die Annäherung zwischen Westdeutschland und Frankreich das wichtigste und hervorragendste Ereignis sei, das Europa und die Welt bis dahin erlebt hätten. Weiterhin forderte er, dass die Aussöhnung beider Staaten als Quelle der Kraft und des vereinten Handelns gegen den gemeinsamen Feind, die Sowjetunion, dienen müsse.
Zu diesem Zeitpunkt standen jedoch viele Politiker einer zu engen Bindung der Bundesrepublik an Frankreich noch äußerst skeptisch gegenüber. Verdeutlicht wurde dieses Haltung durch die Anweisung des Bonner Außenministeriums, de Gaulles „union“ in der offiziellen deutschen Übersetzung seiner Tischrede mit dem schwächeren Ausdruck „Zusammenschluss“ wiederzugeben.

Erste Rede an die Bevölkerung: de Gaulle erobert die Herzen der Bürger

Der zweite Tag der Deutschlandreise de Gaulles begann mit einem Treffen des französischen Präsidenten mit Konrad Adenauer. Der deutsche Bundeskanzler relativierte dabei die am Vortag von Lübke geäußerte Kritik. Adenauer machte deutlich, dass für ihn die Annäherung Westdeutschlands an Frankreich Vorrang vor einer schnellen Erweiterung der EWG um zusätzliche Mitgliedsstaaten habe. Er äußerte darüber hinaus den Wunsch nach einer dauerhaften Bindung Deutschlands an Frankreich und einer abgestimmten Politik beider Staaten nach außen, um die eigenen Interessen effektiver vertreten zu können. Ein besonderes Augenmerk legten die beiden Staatsmänner dabei auf die Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, sowie auf den Bereich der Jugend – jene Sektoren, die später auch im Élysée-Vertrag berücksichtigt wurden. Über konkrete Inhalte eines Abkommens einigte man sich an diesem Tag aber noch nicht.
Am Nachmittag wendete sich de Gaulle mit einer Rede erstmals an die deutschen Bürger. Vor etwa 20.000 bis 30.000 Menschen sprach er auf dem Bonner Marktplatz – zur Überraschung aller auf Deutsch und frei. Der Franzose setzte damit ein Zeichen für seine besondere Verbundenheit zu Deutschland; seine Sprachkenntnisse sammelte er überwiegend während seiner deutschen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges, in die er nach der Schlacht von Verdun 1916 geraten war. In der Ansprache dankte de Gaulle dem „großen deutschen Volk“ für den herzlichen Empfang und versicherte, dass in den Herzen aller Franzosen, die in diesem Augenblick nach Bonn schauen würden, eine Welle der Freundschaft aufsteige. Mit den Schlussworten „Es lebe Bonn! Es lebe Deutschland! Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!“ verabschiedete sich de Gaulle und reiste mit Adenauer weiter nach Köln. Dort ehrte er in einer Ansprache den Bundeskanzler als „großen[n] Deutsche[n]“ und „große[n] Europäer“, womit er seinen Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft würdigte. Adenauer wiederum bekräftigte, dass die Begeisterung für die deutsch-französische Annäherung, wie man sie in Köln und Bonn miterlebt habe, stellvertretend für ganz Deutschland stünde. Diese Aussage sollte im Laufe der Reise noch häufiger bestätigt werden.

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