Bedeutung der Rede für die deutsch-französische Freundschaft


Überzeugung durch Emotion

Den Höhepunkt der Deutschlandreise des französischen Präsidenten Charles de Gaulle im Jahre 1962 bildete am 9. September seine Rede an die deutsche Jugend in Ludwigsburg. Wie auch in anderen Städten wurde ihm auf dieser letzten Station ein überwältigender Empfang bereitet. Der Staatsbesuch selbst stellte eine Erwiderung der Reise des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer dar, der im Sommer des gleichen Jahres mehrere Städte in Frankreich besuchte und zusammen mit de Gaulle am 8. Juli 1962 in der Kathedrale von Reims symbolträchtig die deutsch-französische Aussöhnung inszenierte und feierte.

Beide Reisen sollten im Grunde dazu dienen, die Bevölkerung auf die neue, enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich einzustimmen. De Gaulle und Adenauer wussten, dass dies nicht allein durch offizielle Politik zu erreichen war, sondern nur mithilfe des direkten Kontakts zum Volk, zum Beispiel durch die unmittelbare Ansprache in Reden. Auf diesem emotionalen Weg konnten die Menschen von der deutsch-französischen Partnerschaft überzeugt werden.

Charles de Gaulle mit deutschen Staatsmännern
Wilhelm Röckl, LKZ

Eine besondere Beziehung zu Deutschland

Bemerkenswert war, dass de Gaulle seine Rede in Ludwigsburg, wie auch die meisten anderen Ansprachen seines Staatsbesuches, in deutscher Sprache hielt. Dies spiegelte zum Einen sein langjähriges Interesse an Deutschland wider. Darüber hinaus drückte er damit seine spezielle, zunächst besonders militärisch geprägte Verbundenheit mit Deutschland aus - de Gaulle hatte in deutscher Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges die Sprache seiner Wärter erlernt.

Zum Anderen stellte er durch die Verwendung der deutschen Sprache sicher, seine Zuhörer unmittelbar anzusprechen und somit – das war das Hauptanliegen de Gaulles - Sympathie  und Begeisterung für die neue, intensive Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich zu wecken.

Überwindung alter Feindschaft durch die Kraft der Jugend

Es war kein Zufall, dass sich der französische Präsident in seiner Ludwigsburger Rede direkt an die Jugend wandte. Sollten nämlich die Bande zwischen Deutschen und Franzosen künftig enger geknüpft werden, so konnte dies nur durch die Jugendlichen beider Länder gelingen. Sie sah de Gaulle dazu in der Lage, mit ihrer „Kraft“, ihrer „Leidenschaftlichkeit“ und ihrer „Begeisterung“ die Zukunft aktiv mitzugestalten. Nur durch diese neue Generation, die - anders als ihre Eltern und Großeltern - keinen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich miterlebt hatte, sah de Gaulle eine Chance, das Bild der traditionellen „Erbfeindschaft“ zwischen beiden Ländern überwinden zu können.

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